Mediation – das Konfliktlösungsverfahren der Generation Y?

Mediation – das Konfliktlösungsverfahren der Generation Y?

Mediation – das Konfliktlösungsverfahren der Generation Y?

 

Mediation scheint sich plötzlich doch zu etablieren in Deutschland. Woran liegt das? Woher kommt die Bereitschaft, dass sich mehr und mehr Menschen für die Mediation als alternatives Konfliktlösungsinstrument entscheiden? Meiner Ansicht nach hängt das durchaus mit dem Grundverständnis der Generation Y zusammen, die sich Konfliktlösungsverfahren offener gegenüber zu zeigen scheint. Bei meiner Recherche im Internet stoße ich auf eine Veranstaltung, die an der Humboldt-Universität zu Berlin im Sommer- und Wintersemester 2015/16 von Frau Lucie Yertek im Bereich Rechtswissenschaft abgehalten wurde. Ich habe Frau Yertek kontaktiert, um mit ihr darüber zu sprechen, in welchem Zusammenhang die Generation Y und Mediation zu sehen sind:

 

FRAGE: Liebe Frau Yertek, erzählen Sie uns doch, wie Sie zu dem Thema des Projekttutoriums „Mediation – das Konfliktlösungsverfahren der Generation Y” gekommen sind?

 

Da ich selbst der Generation Y (*1980 – 1995) angehöre, wurde ich durch mein Interesse für Mediation immer wieder auf die zahlreichen Angebote im Bereich „Alternative Dispute Resolution“ für die Zielgruppe Generation Y aufmerksam. Als Teilnehmerin solcher Angebote stellte ich immer wieder fest, dass meine Generation dem Verfahren sehr offen gegenübersteht. Nach meiner Ausbildung zur Wirtschaftsmediatorin nahm ich beispielsweise 2015 an der „International Summerschool of Dispute Resolution“ der Humboldt-Universität zu Berlin teil, die speziell für Studenten angeboten wird. Dort absolvierte ich mit über hundert weiteren Teilnehmern ein zweiwöchiges Kursprogramm. Die hohe Teilnehmerzahl junger Menschen zeigte mir, wie aktuell und interessant Mediation für viele Angehörige meiner Generation ist. Ein Teil der Studenten reist jedes Jahr aus Australien und Amerika an, um an der Akademie teilzunehmen.

Ein ähnliches Bild bietet sich auch bei dem jährlich stattfindenden internationalen Wettbewerb „Mediation Competition“ der Internationalen Handelskammer in Paris. Dort traf ich als Volontärin auf mehrere hundert Studenten verschiedener Fachrichtungen, die aus aller Welt für eine Woche in Paris zusammenkommen, um sich mit Mediation auseinanderzusetzen.

Die Zugehörigen der Generation Y, welche an solchen Ausbildungsangeboten im Bereich Mediation teilnehmen, befinden sich momentan an der Schnittstelle zwischen Studium und Berufseinstieg und werden in den kommenden Jahren als ambitionierte, gut ausgebildete Berufseinsteiger zunehmend die Arbeitswelt mitgestalten. Für die Mediation könnte dies weiteren Auftrieb bedeuten, da es denkbar ist, dass sie ihre Kenntnisse und ihre Offenheit für das Verfahren in ihre beruflichen Tätigkeiten einbringen. Mich beschäftigt deshalb die Frage, welche Potenziale und Entwicklungen Mediation im Zusammenhang mit der Generation Y birgt.

 

 

 

FRAGE: Wie war das Projekttutorium aufgebaut?

Das Projekttutorium erstreckte sich insgesamt über zwei Semester. Im ersten Semester setzten wir uns mit den Grundlagen der Mediationstheorie und den Strukturen des Mediationsverfahrens auseinander. Wir suchten nach Spuren der Mediation in der Antike. An konkreten Beispielen wie den Aktivitäten des griechischen Staatsmannes Solon oder der Vermittlung des römischen Politikers Menenius Agrippa diskutieren wir, ob es sich dabei bereits um erste Formen der Mediation handelte und was sie kennzeichnet. Dieser Blick in die Geschichte leitete somit zu der Aufgabe über, Mediation als Verfahren näher zu untersuchen und zu definieren. Im Kurs wurde das 5-Phasen-Modell der Mediation dazu zunächst theoretisch behandelt und anschließend als aktives Verfahren in Rollenspielen erprobt.

Da Projekttutorien die interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Fachwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin fördern sollen, sind sie offen für Teilnehmer unterschiedlicher Fachrichtungen. Ein Großteil der Studenten hatte einen juristischen Hintergrund, aber auch andere Fachwissenschaften waren vertreten. Dadurch konnten wir im Kurs die Vor- und Nachteile einer Mediation im Vergleich zum juristischen Gerichtsverfahren aus verschiedenen fachlichen Perspektiven betrachten und diskutieren. Die Interdisziplinarität der Gruppe ermöglichte es auch, die Eignung des Verfahrens für verschiedene Konfliktbereiche, etwa Bau- oder Schulmediation, gemeinsam mit Experten wie Pädagogik- und Architekturstudenten zu analysieren.

 

Im zweiten Semester beschäftigten wir uns mit Studien und Theorien zur Generation Y und diskutierten Potenziale des Verfahrens für die spezifischen Bedürfnisse der Generation Y. Die Teilnehmer der Veranstaltung gehörten selbst dieser Generation an und diskutierten die Forschungsannahmen auf Grundlage eigener persönlicher Einschätzungen und Meinungen. Es fand beispielsweise eine Diskussion zu der Frage statt, wie sich die Teilnehmer als Angehörige der Generation Y ihren zukünftigen idealen Arbeitsplatz vorstellen.

Nach diesem theoretischen Block legten die Teilnehmer in Arbeitsgruppen Projektthemen mit Bezug zu Mediation und Generation Y fest. Die Studenten hatten die Möglichkeit, ihre Projektthemen im Hinblick auf bestehenden Kontakte und persönliche Interessen zu entwickeln. Es formierte sich eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Bedeutung der Mediation in der Diplomatie beschäftigte und dazu Diplomaten und Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes befragte.

Eine weitere Gruppe untersuchte die besonderen Merkmale und Bedürfnisse von Mediationen bei Konflikten, die sich aus dem Zusammenwohnen ergeben. Sie führte dazu Interviews mit Mediatoren.

Daneben führte ein Projektteam unter etwa 50 Personen eine Umfrage zur Akzeptanz und Relevanz von Mediation durch und untersuchte unter Anderem, ob Generation-Y-Angehörige eine höhere Bereitschaft zeigen, an einer Mediation teilzunehmen.

Die aktuelle Flüchtlingskrise bot Anlass für ein weiteres Projekt zu der Frage, inwiefern junge Geflüchtete in Deutschland die Wünsche und Bedürfnisse der deutschen Generation Y teilen und welche Konflikte und Missstände sich hieraus ergeben.

 

FRAGE: Was zeichnet die Generation Y aus?

 

Die Generation Y gilt im Beruf als zielstrebig und karriereorientiert. Sie hat gleichzeitig konkrete Vorstellungen von ihrem Berufs- und Privatleben wie einer gesunden ‚Work-Life-Balance’ oder niedrigen Hierarchien im Job. Der Meinungsaustausch der Seminarteilnehmer über ihre persönlichen Arbeitsplatzwünsche deckte sich mit dem Bild, was die Forschungsliteratur von der Generation Y zeichnet. Kernforderungen an einen Arbeitgeber waren bei der Analyse im Kurs beispielsweise auf acht Stunden begrenzte Arbeitstage, die Vereinbarkeit von Beruf und Familienplanung, Aufstiegsmöglichkeiten, umfassende Handlungskompetenzen und ein gutes Arbeitsklima.

 

 

FRAGE: Welche Haltung ist bei der Generation Y in Bezug auf Mediation zu beobachten?

 

Mediation ist ein recht junges Verfahren, das sozusagen mit der aktuell jungen Generation Y heranwächst. Wie sehr die Bekanntheit und die Verbreitung der Mediation sich in den letzten Jahren erst entwickelt hat, zeigt beispielsweise der jährlich publizierte Roland-Rechtsreport. Die Bekanntheit der Mediation ist in den vergangenen Jahren um wesentliche Prozentpunkte angestiegen. Während 2010 noch 43 Prozent der Befragten angaben, noch nie von Mediation gehört zu haben, waren es 2015 nur noch 32 Prozent. Dies hängt wiederum damit zusammen, dass auch 2015 in Deutschland dem Report zufolge nur 68 Prozent bereits von Mediation gehört haben. Die Bekanntheit des Verfahrens ist also wesentlich geringer als beispielsweise die eines klassischen Gerichtsprozesses und durch die Zunahme des Bekanntheitsgrads kann sich die Bedeutung des Verfahrens auch in Zukunft noch steigern.

 

Angehörige der Generation Y absolvieren ihre Ausbildung also in einer Zeit, in der Mediation wesentlich bekannter und verbreiteter ist als noch zu Zeiten, in denen die Angehörigen der Generation X und der Babyboomer in Deutschland studierten. Dadurch kommen mehr Angehörige der Generation Y bereits während ihrer Ausbildung mit dem Verfahren in Kontakt.

Aber nicht nur die zunehmende Bekanntheit und Verbreitung von Mediation macht sie für die Generation Y interessant, sondern auch die spezifischen Bedürfnisse, welche die junge Generation an ihr Berufs- und Privatleben hat. Wie beschrieben sind die Vorstellungen eines idealen Arbeitsplatzes der Generation recht detailliert und erstrecken sich in großen Teilen auf das soziale Klima in der Firma, wie etwa die Möglichkeit, ohne extreme hierarchische Strukturen arbeiten zu können und ein sozial gut funktionierendes Team zu haben. Diese teils neuen, hohen Erwartungen an potenzielle Arbeitgeber machen Mediation im Personal-Management zu einem interessanten Instrument: Mediation kann die Entwicklung eines positiven Arbeitsklimas in Firmen unterstützen, indem sie den Austausch zwischen Belegschaft und Führungsebene erleichtert oder bei einer gemeinsamen Gestaltung des Arbeitsplatzes vermittelt. In Mediationsstellen können aufkeimende Konflikte entschärft werden und Mitarbeiter können durch Schulungen im Bereich der konfliktfreien Kommunikation geschult werden. Eine zunehmende Generationenvielfalt und eine wachsende kulturelle Diversität sorgen für zusätzliches Konfliktpotenzial: Durch das angehobene Rentenalter wird die Zusammenarbeit von drei oder mehr Generationen mit unterschiedlichen Vorstellungen vom Berufsleben – beispielsweise in Bezug auf Hierarchien – in vielen Betrieben zum Alltag. Und auch die internationale Ausrichtung der Generation Y und ihre berufliche Mobilität erfordern soziale Kompetenzen, um in internationalen Teams effektives arbeiten zu ermöglichen.

 

FRAGE: Was haben Sie für weitere Aktivitäten im Zusammenhang mit diesem Themenkomplex Mediation und Generation Y geplant?

 

Aktuell bin ich an der Entwicklung eines interkulturellen Seminarkonzepts für Schüler beteiligt. Angesichts dessen, dass in Berlin an vielen Schulen Willkommensklassen eingerichtet wurden und die kulturelle Heterogenität an Schulen zunimmt, wollen wir Schüler in interkultureller Kommunikation weiterbilden und auch mit konfliktfreier Kommunikation vertraut machen. Dazu arbeite ich mit einem Verein zur Unterstützung von Geflüchteten in Berlin-Neukölln zusammen.

 

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Fragen, Anregungen oder Kommentare?

 

Sprechen Sie mich bitte an.

 

Ihre Julia Schweitzer

 

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