Leitfaden zum Einsatz von gendersensibler Sprache in der Mediation

I. Ausgangspunkt: Beeinflussung der Allparteilichkeit durch Sprache

Ein wesentlicher Aspekt des ethischen Selbstverständnisses als Mediatorin oder als Mediator ist die eigene Allparteilichkeit gegenüber den Mediantinnen und Medianten. Sie besagt, dass die Konfliktparteien gleichermaßen in die Mediation einbezogen werden sollen, indem auf jede der beiden Parteien gleichermaßen wertschätzend zugegangen wird, ohne die jeweils andere zu vernachlässigen.

Eines der wichtigsten Werkzeuge, die dem Mediator oder der Mediatorin hierfür zur Verfügung stehen, ist die Sprache. Damit das Werkzeug effektiv ist, muss Sprache diese wertschätzende Haltung abbilden.

Nun besteht im deutschen Sprachgebrauch die weit verbreitete Praxis, die männliche Form eines Wortes als Sammelbezeichnung für beide Geschlechter zu verwenden („generisches Maskulinum“). Wenn auch Mediatorinnen oder Mediatoren in der Mediation dieses generisches Maskulinum verwenden, bestehen zwei wesentliche Gefahrenpotentiale:

1. Frauen werden durch die Verwendung des generischen Maskulinums sprachlich „unsichtbar“ gemacht. Sie werden also nicht in gleichem Maße angesprochen wie der Mann und somit in der Sprache vernachlässigt. Teilweise wird dies sogar als eine sprachliche Diskriminierung empfunden. Rein sprachlich wird damit in der Mediation klar gegen den Grundsatz der Allparteilichkeit verstoßen.

2. Durch die Verwendung einer nicht-geschlechtergerechten Sprache besteht die Gefahr, wesentliche Ressourcen für die Mediation nicht auszuschöpfen. Mittlerweile gilt es nämlich als belegt, dass die Verwendung des generischen Maskulinums die kognitive Repräsentation von Frauen erschwert. Dieser Umstand zeigt besondere Relevanz bei bestimmten Fragetechniken. So kann etwa das Stellen zirkulärer Fragen, d.h. das Abfragen hypothetischer Antworten von Personen aus dem Umfeld der Konfliktparteien, oftmals zielführend sein. Wenn hier in der Frage nicht auf eine geschlechtsneutrale Formulierung geachtet wird, wird die gedankliche Vorstellungskraft aalzu leicht auf ein Geschlecht, das männliche, beschränkt. Werden etwa die Mediantin oder Mediant lediglich nach der möglichen Sicht ihrer „Kollegen“ gefragt, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie (zunächst) auch nur an diese denken und nicht an ihre „Kolleginnen“.

Häufig wird die Wahl des generischen Maskulinums mit der sprachlichen Vereinfachung gerechtfertigt; Frauen seien selbstverständlich miterfasst. Sprache aber formt Bewusstsein. Es ist für eine Frau ein erheblicher zusätzlicher innerer Aufwand erforderlich, sich gleichberechtigt als Frau erfasst zu fühlen, wenn sie stets männlich angesprochen wird. Zudem werden durch die Verwendung der rein männlichen Formen sowohl bei Männern als auch bei Frauen die gedanklichen Assoziationen verengt, mit der Folge, dass in der Wahrnehmung Frauen eine geringere Repräsentanz und damit Bedeutung haben. In Anlehnung an Konrad Lorenz („gedacht ist nicht gesagt“) reicht es deshalb nicht, eine Geschlechtsform zu verwenden und die andere mitzumeinen. Was nicht gesagt ist, kann beim Gegenüber auch nicht wie selbstverständlich verstanden werden.

Es ist daher ein Umdenken im allgemeinen Sprachgebrauch vonnöten, um gesellschaftlich eine wirkliche Gleichstellung zu erreichen und in der Mediation echte Allparteilichkeit gewährleisten zu können. Zugegeben: Die Umstellung von den in der deutschen Gesellschaft größtenteils noch männlich geprägten Sprachgewohnheiten auf eine geschlechtergerechte Sprache ist sicherlich sehr mühevoll. Sie erfordert Reflexion und Übung, um nicht zu unverständlichen oder schlicht grammatisch falschen Ergebnissen zu führen.

Der vorliegende Sprachleitfaden soll diese Umstellung etwas erleichtern. Er soll der Reflexion des eigenen Sprachgebrauchs und als Anwendungshilfe dienen, indem er Mediatorinnen und Mediatoren einige Varianten der geschlechtergerechten Sprachanwendung offeriert. Hierzu wurden Sätze, Aussagen und Bilder exemplarisch herangezogen, wie sie so oder vergleichbar typischerweise in einer Mediation „zur Sprache kommen“ können.

Gleichzeitig sei aber betont, dass die offene Empathie von Mediatoren und Mediatorinnen stets vor der Prinzipientreue steht. Die Sprache darf nicht bemüht wirken. Eine wertschätzende Haltung bleibt entscheidend – auch wenn die Sprache nicht immer bis ins letzte Detail gendergerecht ist.

 

II. Sprachleitfaden

Die Sprache kann grundsätzlich durch drei Varianten gendergerecht gestaltet werden: durch Doppelform bzw. Benennung beider Parteien (Sichtbarmachung des Geschlechts), durch Neutralisierung oder durch Abstraktion. Die Wahl des Mittels ist jeweils kontextabhängig.

 

1. Ansprache der Konfliktparteien 

Die Doppelform oder die Neutralisierung bieten sich an, wenn verschiedengeschlechtliche Parteien zusammen angesprochen werden. Dies findet beispielsweise verstärkt im Rahmen der Eröffnungsphase statt, wenn die Mediatorin oder der Mediator mit den Konfliktparteien gemeinsam die Rahmenbedingungen der Mediation erörtert, kann aber in jeder Phase der Mediation relevant sein.

Im Zweifel ist die Sichtbarmachung der Einzelpersonen durch die Doppelform das sichere Mittel.

Beispiele für nicht gendergerechte Formulierung

Gendergerechte Alternative

„Anschließend erhält jeder die Gelegenheit, seine Sicht der Dinge zu schildern.“

„Anschließend erhalten Sie beide die Gelegenheit, Ihre Sicht der Dinge zu schildern.“

oder die Sichtbarmachung:

„Anschließend erhalten sowohl Sie, Frau Müller, als auch Sie, Herr Schmidt, die Gelegenheit, Ihre Sicht der Dinge zu schildern.“

Keiner wird hier benachteiligt.“

Niemand wird hier benachteiligt.“

oder:

Keine und keiner wird hier benachteiligt.“

Man kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht wissen, wie das Ergebnis aussehen wird.“

Niemand kann zum jetzigen Zeitpunkt wissen, wie das Ergebnis aussehen wird.“

„Sie als die Konfliktpartner sind selbst verantwortlich für das Ergebnis.“

„Sie als die Konfliktparteien sind selbst verantwortlich für das Ergebnis.“

 

2. Personenbezeichnungen

Bei der Bezeichnung von Personen bieten sich Formulierungen an, die Personen oder Personengruppen unabhängig von ihrer Geschlechtszugehörigkeit benennen.

Beispiele:

  • neutrale Zusammensetzungen: Arbeitskraft, Lehrperson, Bürokraft etc.
  • Singularwörter, die aber nicht auf eine Einzelperson, sondern auf eine Funktion, Institution oder ein Kollektiv referieren (Abstraktion):  die Leitung, die Abteilung, das Team, die Geschäftsführung, die Belegschaft

Ein Tipp zur Vereinfachung ist die Wahl von Pluralformen, da bei ihnen oft weder am Artikel noch an der Endung das Geschlecht zu erkennen ist.

Beispiele:

  • neutrale reine Pluralwörter:  Leute, Verwandte etc.
  • Formen, die neutral in Singular sowie Plural sind: Person/en, Mensch/en, Mitglied/er, Individuum/Individuen, Persönlichkeit/en etc.
  • die Verwendung von Pluralformen, die im Singular zwar geschlechtsspezifisch sind, im Plural jedoch geschlechtsneutral: die Angestellten, die Studierenden, die Jugendlichen, die Interessierten, die Erziehungsberechtigten, die Verantwortlichen etc.

Beispiele für nicht gendergerechte Formulierung

Gendergerechte Alternative

„Was würden wohl Ihre Kollegen dazu sagen?“

„Was würden wohl die Leute aus Ihrem Team (oder: Ihre Teammitglieder) dazu sagen?“

„Könnte es in Ihrer Abteilung einen Mitarbeiter geben, der das übernehmen möchte?“

„Könnte es in Ihrer Abteilung eine Person geben, die das übernehmen möchte?“

„Welche Maßnahmen würden die Computerexperten in Ihrem Unternehmen wohl vorschlagen?“

„Welche Maßnahmen würden die Computerfachleute in Ihrem Unternehmen wohl vorschlagen?“

„Wie glauben Sie, würden die Geschäftsführer auf die neue Struktur der Mitarbeitergespräche wohl reagieren?“

„Wie glauben Sie, würde die Geschäftsführung auf die neue Struktur der Personalgespräche wohl reagieren?“

3. Berufsbezeichnungen

Berufsbezeichnungen sind im allgemeinen Sprachgebrauch häufig männlich formuliert. Eine Neutralisierung ist hierbei jedoch oft nicht möglich (z.B. Ärztin/Arzt, Rechtsanwältin/Rechtsanwalt), so dass in diesen Fällen das Geschlecht sichtbar gemacht werden muss.

In selteneren Fällen ist eine Neutralisierung des Geschlechts möglich, nicht jedoch bei einer direkten Ansprache und Titulierung einer Mediantin. Hier muss immer eine Sichtbarmachung des Geschlechts erfolgen.

Je nach Kontext sind Doppelnennungen nicht zu vermeiden.

 

Beispiele für nicht gendergerechte Formulierung

Gendergerechte Alternative

„Seit wann sind Sie als Obmann in Ihrem Unternehmen tätig?“

„Seit wann sind Sie als Obfrau in Ihrem Unternehmen tätig?“

„Gibt es in Ihrem Unternehmen jemanden in einer Obmann-Funktion?“

„Gibt es in Ihrem Unternehmen eine Person in der Funktion als Obfrau oder Obmann?“

„Wieviele Obmänner gibt es in Ihrem Unternehmen?“

„Wieviele Obmänner und Obfrauen gibt es in Ihrem Unternehmen?

oder hier Neutralisierung möglich:

„Wieviele Obleute gibt es in Ihrem Unternehmen?“

Weitere Beispiele: Kaufmann/-frau, Fachfrau/-mann, Bürokauffrau/-mann

 

4. Benachteiligende Ausdrücke

Es gibt es eine Reihe von Ausdrücken mit benachteiligender Wirkung, weil sie lediglich auf das männliche Geschlecht bezogen sind, im täglichen Sprachgebrauch aber selbstverständlich für beide Geschlechter verwendet werden. Diese sollten sinnerhaltend umformuliert oder im Zweifel durch gendergerechte Alternativen ersetzt werden.

Achtsamkeit ist insbesondere bei Ausdrücken im Kontext von Berufsbezeichnungen angeraten.

Beispiele für nicht gendergerechte Formulierung

Gendergerechte Alternative

Umformulierung:

„Wann planen Sie Ihre eigene Zahnarztpraxis zu eröffnen?“

„Wann planen Sie Ihre eigene zahnärztliche Praxis zu eröffnen?“ 

„Es steht Ihnen zu jeder Zeit frei, sich von einem Anwalt beraten zu lassen.“

„Es steht Ihnen zu jeder Zeit frei, sich anwaltlich beraten zu lassen.“ (oder: Rechtsrat einholen)

„Ich möchte zu bedenken geben, dass in diesem Fall zusätzliche Rechtsanwaltskosten auf Sie zukommen würden.“ 

„Ich möchte zu bedenken geben, dass in diesem Fall zusätzliche Rechtsberatungskosten auf Sie zukommen würden.“

Ersetzung:

„Sie schildern sehr nachdrücklich, weshalb Sie für Ihre gesamte Mannschaft gerne ein Wochenend-Incentive organisieren würden.“

„Sie schildern sehr nachdrücklich, weshalb Sie für Ihr gesamtes Team (oder: Ihre gesamte Gruppe) gerne ein Wochenend-Incentive organisieren würden.“

„Wieviele Manntage veranschlagen Sie für das Projekt?“

„Wieviele Personentage veranschlagen Sie für das Projekt?“

„Wenn Sie jemanden an das Rednerpult bitten könnten, wer würde das sein?“

„Wenn Sie eine Person an das Redepult bitten könnten, wer würde das sein?“ (beide Varianten)

„Wird das in Ihrem Unternehmen von jedem mitgetragen?“

„Wird das in Ihrem Unternehmen von allen mitgetragen?“

„Das ist vermutlich nicht jedermanns Sache.“

„Das ist vermutlich nicht für alle geeignet“

Gleiches gilt bei verniedlichenden Ausdrücken, die ausschließlich auf das weibliche Geschlecht bezogen sind, da ein männliches Äquivalent nicht existiert, die durch ihre Verniedlichung aber eine Niedrigstellung gegenüber dem männlichen Geschlecht ausdrücken.

Beispiele für nicht gendergerechte Formulierung

Gendergerechte Alternative

„Und aus diesem Grund möchten Sie Ihren Mädchennamen wieder annehmen?“

„Und aus diesem Grund möchten Sie Ihren Geburtsnamen wieder annehmen?“

Kindermädchen

Kinderfrau“ (wenn das Geschlecht sichtbar gemacht werden soll, aber gleichgestellte Variante) oder

Betreuungsperson für die Kinder“ (da das Äquvalent „Kindermann“ nicht exisiert)

Krankenschwester

Krankenpflegekraft

Rein weibliche Ausdrucksformen ohne verniedlichenden Charakter, die auch das männliche Geschlecht einbeziehen, können hingegen unproblematisch verwendet werden (z.B. „Waise“).

Besondere Achtsamkeit ist bei Redewendungen geboten. Es gibt hierbei einige benachteiligende Ausdrücke, die nicht gendergerecht umformuliert werden können und daher gar nicht verwendet werden sollten, z.B. „Übung macht den Meister“, „Milchmädchenrechnung.“

 

5. Ausgewogene Verwendung von Bildern und Sprachbildern

Bei der Wahl von Bildern zur Visualisierung sollen Frauen und Männer gleichwertig und wenn möglich zahlenmäßig ausgewogen dargestellt werden, um Rollenklischees und Stereotypen entgegenzuwirken. Es bietet sich auch die Verwendung von neutralen Piktogrammen (z.B. Sternenfiguren) an, oder die Ergänzung des klassischen Strich“männchens“ um weibliche Pendants.

Die Verwendung von Sprachbildern in der Mediation ist lebendig und eingängig. Gleichwohl sollten typisierende Rollendarstellungen von Frauen und Männern vermieden bzw. aufgebrochen werden.

Beispiele hierfür sind: „Mann am Steuer”, „an den Mann bringen“, „auf Vordermann bringen“, „Not am Mann“, „die Hosen anhaben“, „seinen Mann stehen“.

Metaphorische Konfliktspielbilder können sehr hilfreich sein, die Muster und Spielregeln eines Konflikts zu erkennen. Auch hierbei sind jedoch typische Rollenzuschreibungen zu vermeiden.

Nachfolgende oder vergleichbare Beispiele für Konfliktspielbilder sollten vermieden, zumindest aber umformuliert werden: Die Parteien werden in einem Boot gesehen – wer rudert, wer ist „der Steuermann“? Oder die Parteien bauen gedanklich an einem Haus – wer ist „der Architekt“, „der Maurer“, „der Zimmermann“?

III. Fazit

Es lassen sich fast immer gendergerechte Ausdrucksformen finden. Es bedarf hierfür vor allem einer Sensibilisierung für die Sprache und ein wenig Übung. Die anfängliche zusätzliche Mühe wird sich aber sicherlich lohnen.

 

 

ENDNOTEN

 

 

 

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